Von Rausch zu Paranoia: Wie fühlt sich eine Hypomanie an?

Von Rausch zu Paranoia: Wie fühlt sich eine Hypomanie an?

Jeden Tag muss ich meine Stimmungen hinterfragen. Was sich gut anfühlt, kann schon hypoman sein und nach der Hypomanie kommt ganz schnell die Manie. Die Manie ist mein schlimmster Albtraum, von dem ich immer hoffe, dass er sich nicht wiederholt.

Die Hypomanie ist eine trügerische Zwischenwelt. Zuerst kommt es einfach als mehr Energie daher, die Wahrnehmung ist geschärft, Rastlosigkeit stellt sich ein. Ein netter Rausch folgt. Der Rausch liebt mich, er nährt mich, erfüllt mich. Mein Kopf ist schneller als deiner. Ich diskutier dich in Grund und Boden. Fremde sind Freunde. Ach ne, doch nicht. Alles ist lauter, mach mal leiser! Das mit der Ruhe kann ich aber auch nicht leiden. Wieso schlafen Leute nur um 3 Uhr nachts, da kann man doch viel besser schreiben. Oder die Wohnung putzen. Oder rauchen oder hundert Mal die gleiche Playlist hören oder endlich mal C-Promi werden wegen der Einladung ins Dschungelcamp. Machen die eigentlich psychologische Tests beim Dschungelcamp? Wohl eher nicht. Ich muss noch die Hausarbeit schreiben, ist in drei Tagen fällig. Ach mach ich morgen. Oh schon 5 Uhr. Na dann kann ich jetzt auch wach bleiben, leg mich mittags einfach ne Stunde hin.

Während dieser hypomane Rausch für einen Freizeitabend nicht anders klingt als ein netter Drogenrausch, ist es doch im Alltag sehr anstrengend. Dem massiv erhöhten Tempo über Wochen standzuhalten – kaum möglich. Deshalb folgt oft die Depression im Hauruckverfahren. Zwischendurch mal ruhig machen – genau das ist in der Hypomanie nicht möglich.

Vor einigen Jahren habe ich den Bewegungsdrang und die Energie in 4-6 Stunden Fitnessstudio pro Tag umgesetzt, jeden Tag. Es war mir währenddessen natürlich nicht bewusst, ich habe mich nur über meine Sportmotivation gefreut. Nachts habe ich als Barkeeperin gearbeitet und tagsüber ging es zum Fitnesstraining. Ich stand mind. 2 Stunden pro Tag auf dem Laufband, auch Krafttraining war kein Problem. Man man, in der Zeit sah ich fantastisch aus. Da lacht mein Spiegelbild heute nur müde. Obwohl Sport gut ist, war dieses Ausmaß leider nur die Hypomanie in voller Blüte. 

Was auch dazu kommen kann, sind paranoide Gedanken. So geschehen vor Kurzem. Ein Proteinriegel hat mich gelehrt aufzupassen. Ich aß ihn am Mittag und war dabei stark von dem Geschmack angewidert. Ich dachte, irgendetwas kann nicht richtig sein mit dem Ding. Also habe ich mir die Inhaltsstoffe durchgelesen. Ich wollte wissen, ob Alkohol enthalten ist, weil es so ähnlich schmeckte. Warum sollte aber in einem Proteinriegel Alkohol enthalten sein? Richtig, das ist unlogisch. Viel logischer hingegen erschien mir anschließend die Theorie, dass die komplette Charge einem Fehler in der Herstellung unterlag oder diese gar vergiftet wurde (Schon klar, Laura). Ein paar Minuten verbrachte ich in der Überzeugung und suchte im Internet nach Informationen über diesen Skandal. Schließlich wurde ich abgelenkt und fiel aus dem Gedankenkonstrukt. Ich begriff, dass ich in dieser Welt sicherlich keine wahllos vergifteten Proteinriegel aß und mir dieser Riegel einfach nicht geschmeckt hat.

Genau das machen die Manie in hohem und die Hypomanie in subtilerem Maße. Sie reißen dich aus der Realität in ihre absurde Parallelwelt. Den Bezug zur Realität zu verlieren ist kein Spaß. Es bedeutet, den Bezug zu sich selbst zu verlieren.

Das Ende einer solchen Phase besteht immer aus dem Switch-Moment. Wenn der Kopf von einem Extrem ins andere umschaltet. Das ist sehr belastend und zerrt Kopf und Körper komplett aus. Bei mir fühlt sich der Moment an wie ein mehrminütiger Stromschlag, der sich durch den Körper zieht, Erbrechen, völlige Erschöpfung. Dann kommt die Angst hinzu, ein diffuses Gefühl von Kontrollverlust und mit voller Wucht bin ich in der Depression. Andersherum erfolgt der Wechsel von der Depression in die Hypomanie meiner Erfahrung nach eher schleichend, genau wie der Übergang von Hypomanie zu Manie.

Ich spreche hier nur für mich und über meine Erfahrung. Diese sind natürlich nicht allgemein gültig. Für Informationen empfehle ich die Seite der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen.

Eine Erinnerung: Gisbert und Mitwissende

Eine Erinnerung: Gisbert und Mitwissende


An einem Abend im November 2017 zog ich allein durch Berlin. Ich hatte ein Gisbert zu Knyphausen Ticket und war in meiner Hypomanie ziemlich zufrieden mit mir selbst. Also verließ ich das Haus, in der Absicht ein Konzert zu besuchen und die Nacht durchzutanzen. Kein bekanntes Gesicht dabei zu haben, nicht einmal eine Feierbekanntschaft, störte mich nicht. Ich hatte auch keine Lust danach zu suchen, denn in dem sonstigen Punk-Kosmos sind Gisbert Fans schwer zu finden.

Nach dem Konzert blieb ich zur anschließenden Party. Längst im hypomanen Rausch tanzte ich zur Musik und sah Person X. Was klingt wie der Anfang einer nächtlichen Bekanntschaft ist doch etwas ganz anderes. Ich weiß nicht wer das war, ich habe mich nicht mit ihm unterhalten. Er war mit seiner Freundin bei dem Konzert. Ich habe ihn aber nicht vergessen und noch lange nach diesem Konzert versucht herauszufinden, warum ein Fremder mit wenigen Blicken so viel in mir auslösen kann – auf diese grundlegend mitmenschliche Art. Er hat mich mehrmals mit einem so verständnisvollen Blick angeschaut, liebevoll-wissend, dass dieser Blick sich mir in den Kopf gebrannt hat. Es ist möglich (hypo-)manische Menschen zu erkennen, wenn man mit der Krankheit vertraut ist. Ob er das war oder einfach nur sehr empathisch, das wird vermutlich ein Rätsel bleiben. Ich hoffe aber wirklich, dass ich diesen Blick auch drauf habe und ihn weitergeben kann, wenn er gebraucht wird.

Seit diesem Abend, der nun mehr als zwei Jahre her ist, überlege ich immer wieder: Wer weiß was? Wie gut kann ich meine Krankheit verbergen?

Inzwischen ist mir klar, dass es schwierig ist eine Krankheit zu verbergen und dass es nicht das Ziel sein kann dies zu tun. Dennoch gibt es viele Gründe dafür. Der verständnisvolle Blick eines Fremden im Rausch ist nicht der Alltag. Stigmatisierungen sind leider immer noch an der Tagesordnung.

Der beste Rat, den ich bekommen habe bei der Frage, ob ich über meine eigene Erkrankung schreiben sollte, war:

„Angst ist kein Freund, genauso wenig wie Menschen die dich aufgrund ehrlicher und starker Aussagen abwerten.“

Mit psychischer Erkrankung umziehen: Stadt oder Land?

Mit psychischer Erkrankung umziehen: Stadt oder Land?

Es gibt sie, die Stadtmenschen und die Landmenschen. Beides sind Kategorien, in die ich mich nur schwer einordnen kann. Seit zwei Jahren lebe ich wieder auf dem Land, zählt aber auch nur so halb als Land, da es direkt an Berlin grenzt. Ich wohne momentan im Bundesland Brandenburg. Davor habe ich mehrere Jahre in Berlin gelebt und davor mehrere Jahre in Braunschweig. Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt in Niedersachsen. Es gab noch einige Zwischenstation, denn wie viele Menschen mit bipolarer Störung bin ich bereits viele Male umgezogen.


Der Ort, in dem ich jetzt wohne, hat die Attribute eines Klischeedorfes in Ostdeutschland: traumhafte Natur – wunderschöne Wälder und Naturschutzgebiete, schlechte öffentliche Verkehrsanbindung, kein Bäcker, keine Schulen, keine Ärzte oder sonstiges, belastende Nachbarschaft, 30% AfD Wähler (das tut schon beim Tippen weh).


Die Natur war der Grund für die Entscheidung hier herzukommen und ich schaue jeden Tag mit viel Liebe und Begeisterung auf den Nadelwald direkt vor meiner Haustür. Aus jedem Fenster im Haus schaue ich auf schönste Natur. Dann dreht der Nachbar seinen Techno auf, lässt die Motorräder laufen, schreit seinen Hund an, beleidigt seine Kinder und dahin ist die Idylle.


Stress kann es überall geben, unabhängig vom Wohnort. Nachbarn kann man sich nicht aussuchen und Gemeinden und Gemeinschaften sind sehr unterschiedlich. Ich bereue es auch nicht hier hergezogen zu sein, denn die Natur und die streckenweise vorhandene absolute Ruhe haben mir viel Halt gegeben. Es ist aber keine Option zu bleiben. Für mich, in Anbetracht meiner Erkrankung, steht nun die Frage im Vordergrund:

Was tut mir gut? Wo kann ich leben ohne endlos getriggert zu werden oder mich sozial zu isolieren?

Ich weiß es noch nicht. Ich weiß lediglich, was nicht funktioniert hat: Berlin.

Warum Berlin Paradies und Horrortrip zugleich für einen bipolar Erkrankten bedeutet, darüber mehr im nächsten Beitrag.

Falls ihr auch eine psychische Erkrankung habt oder Angehörige seid und mitteilen möchtet, ob ihr euch in der Stadt oder auf dem Land wohlfühlt und wieso, schreibt doch in die Kommentare oder via E-Mail. Ich freue mich darüber!

Sturm und Dreck

Sturm und Dreck

Bei dem Schietwetter heute habe ich Zeit mir einige Texte durchzulesen. Am meisten beschäftigt mich der Artikel „Darf sie das“ aus der aktuellen Zeit. (https://www.zeit.de/2020/07/american-dirt-jeanine-cummins-buch-fluechtlinge-mexiko)

Thema ist das Werk einer Autorin*, die nicht mexikanischer Herkunft ist und ein Buch über die mexikanische Migration in die USA geschrieben hat.

Bei dem Versuch die Kritiker der Autorin (und des Textes, was hier aber zweitrangig ist) zu verstehen, versuche ich zunächst einen Bezug zu meiner Lebensrealität herzustellen.
Ich ärgere mich, wenn ich Texte lese, in denen Menschen mit einer bipolaren Störung schlecht oder gar falsch dargestellt werden. Aber bedeutet das, der Autor muss eine psychische Erkrankung haben, um darüber berichten zu dürfen? Jeder Mensch, der dies möchte, darf Texte zu dem Thema verfassen. Wenn die Authentizität fehlt oder Darstellungen schlichtweg falsch sind, muss der Autor mit Gegenwind rechnen. Darauf sollte eine öffentliche Debatte folgen und nicht der Pranger. Es ist keine Option einer Person ihr Handwerk/ ihre Kunst zu untersagen mithilfe eines in der Absurdität kaum zu übertreffenden ‚Verbots der kulturellen Aneignung‘.
Die fehlende Differenzierung zwischen den Rechten eines Menschen und dessen handwerklichen und in diesem Fall marketingstrategischen Fähigkeiten, in Kombination mit dem Stellenwert, den die Statements amerikanischer Celebrities bei der amerikanischen Meinungsbildung einnehmen, gruseln mich.

*Cummins, Jeanine: American Dirt. Flatiron Books 2020.

Nähe und Distanz

Ich verpacke Erfahrungen und Emotionen so gerne in Geschichten, weil ich damit, für mich, eine Distanz schaffen und dennoch alle verfügbaren Worte nutzen kann, um tiefen Empfindungen möglichst nah zu kommen. Die Unmöglichkeit die richtigen Worte für Gefühle zu finden fasziniert mich. Der unbedingte Wille es zu schaffen macht mich zu einer Getriebenen.

Diese Rubrik ist ein Versuch – ein Versuch diese Distanz zu kürzen und Nähe zu schaffen. 

Die etwas andere Welt der Sensiblen

Jemand nimmt seine geballte Faust und gräbt sie ganz langsam aber mit viel Druck in deinen Magen, dreht sie stundenlang von links nach rechts, holt manchmal aus, schlägt mit voller Wucht zu und gräbt weiter. Währenddessen musst du die Schüssel Steine essen, für die du unwissend täglich einen Stein gesammelt hast. So hat Elena ihm erklärt, wie sie sich gefühlt hat, heute vor einem Jahr.

Es ist der erste Januar, Neujahr. Ein Datum, das in Theo schon immer ein Unwohlsein hervorgerufen hat. Die kommenden Tage sind alle Menschen auf für ihn undurchsichtige Weise positiv gestimmt, motiviert, gut gelaunt. Der erste Tag im neuen Jahr, der doch nichts anderes ist als der fünfte April oder der fünfundzwanzigste Juli. Als würde es irgendeinen Unterschied machen. Der einzige Unterschied, den er feststellen kann, ist das Tief, das auf diese unbegründete Motivation folgt.

Spätestens Ende Januar haben alle ihre guten Vorsätze aufgegeben, erkannt, dass sie es nicht durchhalten. Es ist zu viel, zu viel Sport, zu wenig Essen, zu viel Ruhe oder Unruhe, zu viel Extraversion für die Introvertierten und andersrum. Dann fällt auf, dass der Alltag ja doch noch genauso aussieht wie am 31. Dezember und all den Tagen davor.

Natürlich ist es zu viel. Wenn es nicht zu viel wäre, dann gäbe es nach jedem Jahreswechsel nur noch optimierte zufriedene Menschen. Die hat er allerdings noch nicht entdecken können.
Und so kommt es, erscheint es ihm, dass jedes Jahr aufs Neue wieder nichts passiert. Niemand ändert sich. Die Frustration sorgt dafür, dass kein Vorsatz von den vielen auferlegten guten Vorsätzen eingehalten wird. Und so ist der Januar der Monat, in dem der Mensch wiederholt mehr von sich verlangt, als er zu leisten imstande ist.

Er sitzt mit Elena und Magdalena am Frühstückstisch. Magdalena gibt sich an jedem im Kalender vermerkten Feiertag sichtbar Mühe Elena zu beeindrucken. Sie hat die Schokopfannkuchen gemacht, die Elena als Kind so gern aß. Liebevoll hergerichtet stapeln sich die perfekt gebratenen Teigfladen auf dem mit blauen und roten Blumen verzierten Emaille Teller in der Mitte des Holztisches, an dem genau vier Personen Platz haben. Es riecht nach perfekter Kindheit, denkt Theo jedes Mal, wenn er an einem Feiertag am Tisch mit den Liedtkes sitzt. Der Kaffee ist viel zu dünn. Aber wer braucht schon Kaffee, wenn die Mutter um sechs Uhr morgens aufsteht, um ihrer Familie einen Tisch voller Glückseligkeit vorzubereiten. Er schaut Magdalena an und nimmt eines der frischen Brötchen. Sie antwortet mit einem Lächeln.
Elena gießt ihren Becher bis zum Rand mit Kaffee voll, umklammert ihn mit ihren langen leicht bläulichen Fingern, lehnt sich im Schneidersitz auf dem Stuhl nach hinten und ignoriert den gedeckten Tisch. Magdalenas Lächeln weicht einer Miene, die Theo nicht eindeutig interpretieren kann. Sie nimmt sich einen Pfannkuchen und sagt nichts.
Theo bedient sich auch daran, in der Hoffnung ihr Lächeln zurückzuholen, doch nichts passiert. So sitzen sie eine Weile schweigsam am Tisch.

„Andrea meinte sie hat dich und Marie vorgestern im Café gesehen“, sagt Magdalena ohne von ihrem Teller aufzuschauen.

„Kann nicht sein“, erwidert Elena.

„Sie hat sich so gefreut, dass Marie und du, naja, dass ihr euch trotzdem gut versteht“, versucht die Mutter es weiter.

„Kann nicht sein“, wiederholt Elena. 

Sie nimmt einen großen Schluck und schenkt sich Kaffee nach, ohne ihre Mutter anzusehen. Manchmal fragt er sich, ob Elena undankbar ist. Doch er versucht diesen Gedanken schnell wieder loszuwerden. Nachdem er ihren beinahe leblosen schmalen Körper aus dem kalten Fluss gezogen hat, kann er keinen negativen Gedanken über Elena mehr zulassen. Er befürchtet, sie kann spüren, dass er etwas Negatives denkt und sich dann nicht mehr sicher bei ihm fühlen. Das ist das Letzte, was er will. Er kennt keinen Menschen, der so sensibel ist wie Elena. Sie sieht Dinge, die ihm selbst nicht auffallen. Dafür ist er ihr dankbar, mit ihr sieht er genauer, hört tiefer hinein. Zusammen schweigen sie ganze Geschichten. Geht es ihr gut, eröffnet sie ihm eine schönere Welt, doch geht es ihr schlecht, muss er schnell sein.


Die Trennung von ihrem damaligen Freund war ein Vertrauensbruch seinerseits. Ein unschönes, aber nicht ungewöhnliches Fremdgehszenario. Doch für Elena war es viel mehr als das. Theo hat es nicht verstanden, seine Worte am Nachmittag haben nicht geholfen. Erst als er sie in der Nacht am Ufer in den Armen hielt, nass und hilflos, erkannte er, dass sie nicht nur das Schöne besser sieht. Sie sagt heute, sie ist in der Nacht über die Brücke gegangen, wollte nur spazieren. Auf einmal wurde ihr heiß, von den Steinen im Magen. Also sprang sie rein, in das januarkalte Wasser. Natürlich konnte sie nicht schwimmen, sie war zu schwer. Alles war schwer.

Er glaubt ihr diese Worte und bereut, an diesem Tag nicht vorher besser reagiert zu haben. Seitdem weiß er oft nicht, wie er reagieren soll. Die Angst, dass sie ihn aus ihrer Welt ausschließt, so wie sie ihre Mutter ausgeschlossen hat, ist groß.

Theo beschließt, nichts zu sagen, bevor sie den Tisch verlassen und anschließend kurz Magdalena die Info zu geben, die sie benötigt, um das Thema ruhen zu lassen. Elena kommt ihm zuvor.

„Ich habe Marie nur gesagt, dass ich sie hasse und ihn auch!“, kommt es wütend mit brüchiger Stimme aus ihr heraus.

[Fortsetzung folgt]

Opa, du blutest alles voll!

Opa hat sich den Kopf so heftig an dem alten Querbalken im Schuppen angeschlagen, dass ich ihn zum Arzt bringen muss. Den Beifahrersitz blutet er voll, fortwährend fluchend. Das Blut tropft nur, es läuft nicht – das ist mein Gradmesser für die Fahrtgeschwindigkeit. Jedes Mal, wenn er zu einer Schimpftirade ansetzt, liegt seine Stirn in dicken Falten. Die erzürnten Bewegungen seines Kiefers erzeugen tobende Wutwellen auf seiner Stirn. Der Druck beschleunigt den Blutaustoß, links und rechts an den Schläfen bilden sich Rinnsale. Das Navigationsgerät erklärt den Weg zu dem nächstgelegenen Krankenhaus. Ich kenne die Gegend so wenig, wie ich die Menschen kenne, die in mein Auto stieren. Jedes Motorengeräusch wahrnehmend recken sich die Köpfe in den Nachbargärten über die Hecken. Mit zusammengepressten Augen blicken sie zuerst auf mich bevor sie den alten Mann neben mir erkennen. Ein Nachbar brüllt Opas Namen. Der hört ihn nicht, ist damit beschäftigt mich in voller Lautstärke über den unmöglichen Zustand meines Wagens zu informieren. Das Blut läuft seine Wangen hinunter bis zu dem fleischigen Kinn und tropft von dort aus auf die Bücher im Fußraum, die ich noch am Morgen bei meinem Verleger abgeholt habe, bevor ich zu dem Haus meiner Großeltern gefahren bin. Es ist die erste Ausgabe meines zweiten Romans, druckfrisch und blutgetränkt. Die Landstraße hat unter den stark schwankenden Temperaturen im vergangenen Jahr gelitten. Bei jedem unausweichlichen Schlagloch keift Opa in mein rechtes Ohr. Es ist eine Art aggressives Dröhnen, das ich am ersten Laut erkenne und in ein reduziertes Rauschen verwandeln kann. Eine Fähigkeit, die jahrelange Übung erfordert. Opa hat keinen meiner Texte je gelesen, er ist kein Mann vieler Worte. Er ist ein Mann lauter Worte. Ich habe Zeit benötigt, den Kern zu erkennen, die blendenden Adjektive zu überwinden. Opas Wahrheit steht im Substantiv. Er ist ein Mann, zum Teufel mit den Attributen. Ein Mann verletzt sich am Holzbalken und blutet echtes Blut. Wenn ein Mann etwas erkennt, dann den Geruch von frisch geschliffenem Holz, nicht den von frisch bedrucktem Papier.
An der Kreuzung fällt mir auf, dass Opas Gesicht bleich geworden ist. Die weit ins Gesicht hängenden Augenringe setzen sich in einem dunklen Violett von der weißen Haut ab. Der alte Mann tut mir leid. Wenn ich ihn später nach Hause fahre, wird er wieder allein sein in dem Haus, das Oma und er vor 60 Jahren gekauft haben.

[Fortsetzung folgt]